Mittwoch, 21. November 2007

Keine Spiele, viele Gegner

Ein Verein im Bremer Amateurfußball ist Tabellenführer, weil niemand gegen ihn spielen möchte

Bremen /// Der Rasen im Burgwallstadion in Bremen-Blumenthal liegt ruhig da. Die Linien sind frisch gezogen, die Eckfahnen gesetzt. Benetzt von der Feuchtigkeit der vergangenen Nacht wartet der Platz an diesem Sonnabendmittag darauf, dass die Partie zwischen dem DJK Blumenthal und dem Gäste-Team vom SV Mardin angepfiffen wird. Es ist ein vergebliches Warten. Denn obwohl beide Mannschaften genügend Spieler zur Verfügung hätten, werden sie nicht gegeneinander spielen. „Langsam wird das für uns zur Routine“, sagt SVM-Trainer Arash Ghafari-Haghi und schüttelt mit dem Kopf.

Weil sich die Konkurrenten aus der Bremer Kreisliga A kollektiv weigern, gegen den SV Mardin anzutreten, bleibt der Verein auch nach diesem zehnten Spieltag ungeschlagener Tabellenführer. Jedes mal, wenn der Gegner nicht antritt, werden Mardin drei Punkte und zwei Tore gutgeschrieben. Punkte, auf die der unfreiwillige Aufstiegsfavorit gerne verzichten würde: „Jedes Wochenende fahren wir aufs Neue los und müssen unverrichteter Dinge wieder abziehen“, sagt Mardins Trainer Arash Ghafari-Haghi. Er schlägt die Hände zusammen und blickt auf seine meist jungen Spieler: „Für die Jungs ist das unheimlich deprimierend, sie können nichts für diese Situation.“ Mittelfeldspieler Izi Alptekin ergänzt: „Wir würden das lieber sportlich erreichen, wir wollen spielen.“

Der Grund für den Boykott gegen die Mannschaft aus dem Bremer Problembezirk Tenever ist ein zutiefst unsportlicher: Ende der vergangenen Saison hatte der damalige Trainer Cindi Tuncel dem Schiedsrichter nach einem Platzverweis gegen einer seiner Spieler die Karten und die Pfeife aus der Hand geschlagen. Diese Aktion animierte Spieler und Teile des Publikums, auf den Referee René Jacobi loszustürmen. Im folgenden Handgemenge wurde der 37-jährige am Kopf verletzt und verlor kurzzeitig das Bewusstsein. „Ich bereue diese Aktion sehr. Da ist großer Mist passiert“, sagt Tuncel, der am heutigen Tag als Zuschauer mitgereist ist. Er schaut zu Boden und erklärt nach einer längeren Pause: „Ich wurde damals vom Bremer Fußballverband für ein Jahr gesperrt, mit mir vierzehn Spieler. Außerdem schloss der Verband den Verein vom Spielbetrieb der Saison aus.“ Eine Maßnahme ohne große Auswirkungen, da lediglich ein weiteres Match ausstand. Viele der Spieler haben den Verein danach verlassen. Die Täter aus dem Publikum des SVM konnten nicht ermittelt werden. Auch nicht von der Staatsanwaltschaft, die ihre Ermittlungen mittlerweile wieder eingestellt hat.
„Wir werden alle erst wieder gegen die Jungs antreten, wenn sie die Namen der Täter nennen“, klagt Reiner Jonderko, Leiter der Abteilung Fußball des DJK Blumenthal. Er trägt den leuchtend gelben Spielberichtsbogen unter dem Arm, bereits ausgefüllt: „Nicht angetreten“ steht in stolzen Druckbuchstaben über das halbe Blatt. Jonderko und seine Kollegen von den anderen Vereinen wollen nicht glauben, dass der SV Mardin die Täter nicht kennt. „Ich bin lange genug dabei und kann sagen, dass ein Verein in diesen Klassen fast alle seiner Zuschauer kennt“, schimpft Jonderko und winkt ab.

Der Bremer Fußballverband steht hinter dem Boykott. Die üblichen Strafen für das Nicht-Antreten von 200 Euro wurden bislang keinmal erhoben. „Ich habe den Eindruck, dass man sich dort nur eines ungeliebten Konkurrenten entledigen möchte“, vermutet Joachim Balorschky. Der Soziologe leitet die Projektgruppe Tenever und kennt auch den Alltag der Spieler aus dem strukturschwächsten Stadtteil der Hansestadt. „Integration und Bildung stehen auf der Agenda des Vereins. Hier sind mehr als ein Dutzend verschiedene Nationalitäten zusammen und versuchen, sich gegenseitig zu helfen“, erklärt Balorschky. „Auch wenn einmal ein schlimmer Fehler gemacht wurde - man kann doch nicht gleich den ganzen Verein in Sippenhaft nehmen“, verdeutlicht der Sozialarbeiter sein Unverständnis.

Der SV Mardin bietet an, alle am grünen Tisch gewonnen Spiele regulär nachholen zu wollen, auch wenn dies zeitlich kaum zu schaffen ist. Auf Seiten des Fußballverbandes und der Vereine bleibt man jedoch stur: „Wir werden uns vorerst nicht erneut an einen Tisch setzen“, sagt Jonderko stellvertretend für den Rest der Liga. Da dem Verband kein weiteres sportrechtliches Mittel zur Verfügung steht, winkt dem SV Mardin ein kampfloser Aufstieg in die Bezirksliga. „Das wäre eine Farce“, schimpft Ghafari-Haghi.

Den Spielern des SVM bleibt vorerst nichts anderes übrig, als weiterhin jedes Wochenende die Taschen zu packen, zum Sportplatz zu fahren und auf den Gegner zu warten.

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