Mittwoch, 9. April 2008

Kinderträumen Räume geben

Der achtjährige Niklas Salden möchte Fußballprofi werden. "Bei Werder, wo sonst," unterstreicht er seinen Wunsch mit fester Stimme und tritt den Ball mit Wucht zu seinen Kameraden auf dem Hof des Gemeindehauses. Ein Wunsch, den viele Jungen in diesem Alter hegen. Vor der Wohnung seiner Eltern in der strukturschwachen Bremer Siedlung in Huchting steht jedoch ein Schild mit unmissverständlichem Text: "Ballspiele aller Art verboten."

In der evangelischen Matthäus Gemeinde arbeiten insgesamt 80 ehrenamtliche Helfer, dass solche Verbote den Kindern nicht ihren Raum nimmt. Sie leiten Workshops, helfen bei den Hausaaufgaben, geben Gitarren- und Schwimmunterricht oder stehen den Heranwachsenden einfach für Gespräche zur Verfügung. "Fast 30 Prozent der Kinder unter 18 Jahren in unserem Stadtteil wachsen in Armut auf," sagt Pastor Lothar Bublitz, "nur durch die vielen freiwilligen Helfer gelingt es uns, diese zu erreichen und zu fördern." 350 Kinder besuchen das "Zuhause für Kinder" in der Woche. Niklas kommt immer dann, wenn Ben Wiese da ist: "Der ist nett und zeigt mir tolle Tricks."

Ben Wiese widmet der Gemeinde aus Überzeugung große Teile seiner Freizeit: "Ich war früher selbst ein Rüpel wie die meisten Jungs hier, musste aber auf die harte Tour lernen, wohin das führt." Jetzt ist der kräftige 29-jährige Kaufmann und Footballer den "Regenbogen-Kids" Vorbild und Ansprechpartner zugleich. Er möchte ihnen geben, was in vielen Familien fehlt: "Wir nehmen die Kinder und ihre Probleme ernst, hören ihnen zu." Ben ist mit 29 Jahren nicht der jüngste Helfer. "Wir versuchen den Kindern bereits sehr früh klarzumachen, dass es wichtig ist, später Verantwortung zu übernehmen", erklärt Pastor Bublitz. So sind die Hälfte der Übungsleiter, Planer und Spielpartner selbst noch Jugendliche.

Das Engagement geht aber über die unentgeltliche Arbeit hinaus. Im Zusammenhang mit dem Projekt "Ein Zuhause für Kinder" deutlich, dass die Bremer auch in schwierigen Lagen finanzielle Opfer zu bringen. Um das Angebot für die Kinder zu erweitern, entstandene Pläne für einen Anbau an das flache Backsteingebäude mit schlichter Kirche aus den 60er Jahren. Ohne jegliche Finanzierungshilfe aus dem Senat der Stadt legten die Bauarbeiter nach dreieinhalbjähriger Planungsphase vor zwei Wochen den Grundstein für den 550 Quadratmeter großen Neubau. Geplant sind mehrere Projekt- und Materialräume, ein Veranstaltungssaal und ein Jugendcafé, die Baukosten liegen bei 1,66 Millionen Euro.

Im Planungszeitraum sammelten die Gemeindemitglieder bislang 1,03 Millionen Euro an Spenden. Aus der eigenen Gemeinde flossen dabei mehr als 900.000 Euro von etwa 400 Spendern. "Wir haben versucht den Menschen klarzumachen, wie viel bereits eine kleine Spende bewirken kann," sagt Bublitz. Dass dies trotz der angespannten Haushaltslage vieler Familien gelang, ist für den Mann der Kirche aber kein Wunder, sondern vielmehr gelebtes gesellschaftliches Engagement "Die Menschen haben bewiesen, dass man gemeinsam Dinge tun kann, die alleine nicht zu schaffen sind."

Unter den Spendern war auch die Mitarbeiterin Grit Weiner. Zusammen mit ihrem Ehemann Reinhard spendete sie im vergangenen Jahr 400 Euro. Das Geld sparte das Rentnerehepaar, indem es den Mallorca-Urlaub um einige Tage verkürzte. Die Motivation lag für die beiden in der Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher: "Gerade in der heutigen Zeit ist das hier eine unheimlich wichtige Anlaufstelle."

Bublitz und sein Team schafften es, die Menschen von ihrer Vision zu überzeugen: "Anfangs haben wir einfach geträumt, dann haben wir geschaut, was möglich wäre und letzten Endes haben wir jedem Gemeindemitglied konkret zeigen können: Dies kann dein Beitrag an dem Ganzen sein." Die Idee fruchtete, in der Gemeinschaft entstanden eigene Projekte, die das große Ziel, ein neues Zuhause für Kinder errichten zu können, ermöglichten. Unter anderem gingen die Menschen hierfür unter dem Motto "Wir arbeiten, sie spenden" von Tür zu Tür und boten ihre Dienste im Garten, Haushalt oder Büro an. Jeder konnte seine Fähigkeiten einbringen. Ben Wiese reparierte leichte Schäden an einigen Computern. "Und ich habe ihm dabei geholfen," verkündet Niklas Salden und blickt zu Wiese auf. "Und ohne Dich wäre das gar nicht so einfach gewesen", lacht Wiese.

Die Gemeinde von Pastor Lothar Bublitz ist in den letzten Jahren zu einer Insel für Hoffnungen und Träume von Kindern und Jugendlichen geworden, wo sonst wenig Platz für sie besteht. Niklas Salden will weiterhin mit seinen Kameraden bei den Regenbogen-Kids an seiner Fußballkarriere arbeiten. Wenn das nicht klappen sollte, hat er auch schon einen Plan: " Dann bleibe ich eben hier und spiele einfach weiter."

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