Dienstag, 5. August 2008

In den Fußstapfen der Auswanderer

Heute sind wir unterwegs im Auswandererhaus in Bremerhaven. Ein wirklich interessantes Museum. Oder Infocenter? Hm. Die Zuordnung fällt etwas schwer, aber das macht das Auswandererhaus gerade zu etwas Besonderem.
Bereits an der Kasse bekommt der Besucher seine eigene »Boarding Card«. auf dieser Karte steht der Name eines Auswanderers, den man bei seiner Reise (die für manchen Menschen auch zu einer Odyssee werden konnte) begleitet.
Es beginnt mit dem Einschecken in Bremerhaven und der Verladung der Gepäckstücke. Ich betrete einen dunklen Raum voller Paletten, Kisten und ähnlichem. Und dann fällt der Blick auf weitere Mitreisende, die - gekleidet in typische Gewänder ihrer Epochen - ebenfalls vor der eindrucksvollen Bordwand eines Dampfschiffes stehen.
Vor dem Betreten des Schiffes kann im Register unter den mehr als 20 Millionen Auswandererschicksalen dasjenige der Person auf der Eintrittskarte gesucht werden. In meinem Fall ist es Otto, oder auch Karl-Otto Schulz, ausgewandert 1910. Das Leben in Bayern war für den gelernten Schustergesellen nicht einfach - zu viele Menschen hatten das gleiche Handwerk erlernt. Also nahm er seine sieben Sachen und reiste mit einem Freund gen Amerika.

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Denn dort, so hörte er, würden Schuster und andere Handwerker nach der Jahrhundertwende dringend gesucht. Das Register enthält nicht nur Informationen zu den Amerika-Auswanderern, sondern auch zu den zahlreichen Europäern, die über die Bremerhavener Kaje nach Australien, Kanada oder Südamerika auswanderten.
An Bord des Schiffes wird der Besucher mit den verschiedenen Reiseumständen je nach Schiffstyp (kleiner Segler, Dampfschiff und Dampf-Liner) oder Klasse konfrontiert. Eine im schlechtesten Falle 12 Wochen dauernde Sturmfahrt ließ so manchen Reisenden leiden, manche bereuten gar die Entscheidung, auszuwandern. Dies erfährt der Besucher durch die zahlreichen Möglichkeiten, an denen aus Originalbriefen vorgelesen wird. Mit den schnellen Dampflinern verkürzte sich die Reisezeit auf komfortable fünf Tage.
Nach der erfolgreichen - oder einfach nur »überlebten« Überfahrt wartet die Einbürgerungsprozedur der amerikanischen Beamten auf Ellis Island auf Otto Schulz und seinen Freund sowie den Besucher. Die Fragen reichten von sinnvoll zu eher willkürlich, zumindest nach heutigen Maßstäben: »Sind Sie Polygamist?«
Manchmal, so lernt man im Schatten der Freiheitsstatue, hatten die Beamten nur zwei Minuten Zeit zu entscheiden, ob eine Person einreisen durfte oder nicht. Zwei Minuten, über ein Leben zu entscheiden. Über die Jahre schickte das Immigration Office (nach mehreren Instanzen) nur etwa zwei Prozent zurück nach Europa - diese Reisekosten mussten die Reedereien tragen.
Abschließend erfährt der Besucher, was aus »seinem« Auswanderer geworden ist. Otto Schulz fand sein Glück nach mehreren Anläufen als Farmer in der Nähe von Idaho - gemeinsam mit einer Frau, die ebenfalls aus Deutschland immigriert war. Er sprach so gut wie nie wieder ein Wort Deutsch - außer, er fluchte.
Als Bonus zeigt das Haus momentan die Sonderausstellung »Nach Buenos Aires!« - Sie gibt einen Einblick in die Schicksale der nach Argentinien ausgewanderten Menschen und der historischen Fußstapfen in dieser riesigen Stadt, die sie dort hinterließen.
Rundum kann man sagen: Ein nicht gerade preiswerter Trip in Sachen Bildung, aber sehr unterhaltsam, anrührend und eindrucksvoll. Im Infocenter als letzter Station der Reise kann jeder Interessierte in den kompletten Passagierlisten der Schiffe recherchieren, ob nicht vielleicht ein Ahne sein Glück in der neuen Welt versuchte.
Unterwegs-Tipp:
Morgen, Mittwoch 6. August 2008 feiert das Ausandererhaus sein dreijähriges Bestehen mit einem Liveauftritt von Fettes Brot. Karten gibt es nur vor Ort.

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