Freitag, 7. November 2008

»Politik 2.0«

»Web 2.0 – zwischen Euphorie und Ernüchterung«. So der Titel der Einführung zur CvK-Tagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik »Politik 2.0« in Ilmenau. Das erste Panel »Political Web Content« ist vorbei. Eine kurze Anmerkung dazu: Es fehlen immer noch ausreichende Methoden, um den Inhalt des Internets sinnvoll zu systematisieren.

Herauszuheben ist bislang aber die Keynote von Andrew Keen (Foto), Autor des Buchs »Cult of the amateur«. Er geht davon aus, dass die vermeintliche Demokratisierung im Internet eine Illusion, ja gar eine Lüge ist. Denn am Ende profitieren wieder nur einige wenige (Die Google-Chefs, die Macher von Wikipedia, etc.) von dem, was entsteht. Durch die Sucheingaben von uns bei Google wird die Technik immer besser, das Unternehmen somit immer mehr wert. Von den revenues haben wir Nutzer nichts (Wenn wir nicht gerade eine Aktie besitzen). Die vermeintliche Demokratisierung, die im Web 2.0 oft zitiert wird, führt so zu einer weiteren Verstärkung der Ungleichheit unter den gesellschaftlichen Akteuren. 


Das erste Panel »Political Web Content« beinhaltete eine Untersuchung von Tobias Escher, wie sich die Nutzer von WriteToThem.com – einer Art Abgeordnetenwatch.de für Großbritannien  – zusammensetzen und was sie dort so treiben. Marcus Messners Vortrag unterstrich die Unterschiede in der Berichterstattung über die Präsidentschaftswahlen 2008 in den USA.

Das zweite Panel »Netznutzung durch politische Referenten zeigte auf, wie und warum sich politische Akteure im Internet präsentieren. Interessant, noch einmal empirisch von Jens Wolling belegt zu bekommen, dass der größte Antrieb, eine Onlinerepräsentanz zu haben, augenscheinlich schlichtweg der Drang nach Selbstdarstellung ist. Nicht etwa, dass Bürger online mit der Politik in einen Dialog kommen oder aber mehr über die Partei erfahren.
Eva Johanna Schweitzer konnte außerdem überraschenderweise nachweisen, dass Negative Campaigning (das gezielte "Schlechtmachen" der politischen Gegner) in Amerika zwar häufiger vorkommt, in Deutschland während den letzten Bundestagswahlen jedoch viel persönlicher war. In Amerika bekommen die das echt hin, sich permanent schlecht zu machen, werden aber weniger persönlich. Fairerweise sollte an hier sagen, dass lediglich Kandidatenwebsites untersucht wurden. Die gezielten Attacken unter der Gürtellinie werden in den Staaten von kleinen Teams bewerkstelligt, die sich nicht direkt identifizieren und natürlich auch nicht in Verbindung zum Kandidaten gebracht werden.

Panel drei: »Politische Netznutzung durch die Bürgerschaft« drehte Panel zwei um: Was machen die Bürger mit den Möglichkeiten? Hier stand die langfristig angelegte Studie zur Politischen Online Kommunikation zwischen 2002 und 2008 (Emmer, Vowe, Wolling) von der DFG im Vordergrund. Angeblich steigt der Grad der politischen Informiertheit / Partizipation leicht an, wenn Internet im Haushalt vorhanden ist. Warum das genau der Fall ist und woran das im einzelnen liegt, ist noch zu diskutieren. Aktuell sind gerade die Daten der letzten Datenerhebungswelle 2008 eingeflossen, das will noch sortiert werden.
Sven Engesser setzte sich kurz mit den Barrieren möglicher Partizipation auseinander. Ein wichtiger Punkt, das wurde im Laufe der Tagung immer klarer. Denn wie Andrew Keen in seiner Keynote adressierte: Wir stehen zwischen Euphorie und Resignation, was die Möglichkeiten des Web 2.0 – gerade in partizipatorischer Perspektive betrifft. Mir erscheint es für die Zukunft sinnvoll zu sein, weniger stark die einzelnen Nutzer mit quantitativen Methoden nach allen Regeln der Kunst , sondern vielmehr qualitative Erhebungen durchzuführen und die Motive der Nutzer durch Interviews genauer zu hinterfragen.

Das vierte Panel »Nutzung und Nutzer des neuen Web« beschäftigte sich unter anderem damit, wie die Netznutzung die Nutzer korrelieren. Angelika Füting stellte die Frage, ob wir alle zu bequemen Modernen werden: Politisch interessiert, ja. Diskutieren? Auch ja. Aber bitte doch nur noch schön einfach aus den eigenen vier Wänden. Jede Aktion, die außerhalb stattfindet, ist zu anstrengend.

Im abschließenden Panel »Politische Kommunikation« wurde ein genaues Augenmerk auf verschiedene Arten politischer Kommunikation gelegt. Sehr gut dabei, Grafitti als poltischen Akt (Protest / Widerstand) zu definieren und dieses zu untersuchen. Christian Pentzold und Stefan Meier von der TU Chemitz legten am Rande ihrer Untersuchung »Praktiken subpolitischer Aktivität im "neuen" Netz« nahe, dass die Mediennutzung von Subkulturen auch diese verändert. Die Sprayer stellen Videos als "Arbeitsnachweise" ins Internet, z.B. YouTube. Das Interessante: Man kann beobachten, dass sich in diesem Zusammenhang die Bildsprache an den öffentlichen Flächen ändert: Mittlerweile werden an S-Bahnen Dinge gesprüht, bei denen auch der Herstellungsprozess auf in einem Video noch dynamisch aussieht. Die reine ästhetische Qualität geht zurück, die Sprayer passen sich im besten Sinne an die Funktionslogik der Medien an und verzichten auf langwierig geplante, aufwändige und zeitintensive Arbeiten.

Als Fazit der zwei Tage kann man die Aussage von Andrew Keen aus der Keynote der Tagung »All this is a lie!« zur Frage umformulieren: »Is all this a lie?« Wir werden es sehen. Die Kommunikationsforschung behält ein Auge auf die Nutzer und das Wie der Nutzung. Das andere sollte die Politik im Auge behalten.

Keine Kommentare: