Freitag, 16. April 2010

Identitätskrise auf der re:publica 2010 (eine Polemik)

Das ist schon was: 2500 Blogger treffen sich in Berlin auf der re:publica, um zu diskutieren, wo das Internet, oder genauer: das Web 2.0, eigentlich steht. Daher auch das Motto der Veranstaltung "nowhere". Deutungsmöglichkeiten: "Now here", "nowhere" oder "now, here" (vielleicht sogar noch mehr).

Der Kongress ist straff und steif organisiert. Zu straff. Sozusagen "sehr Web 1.0" wie mein Sitznachbar zu sagen pflegte, die meisten Vorträge sind frontal, inhaltlich sind einige gar reine Firmenpräsentationen (was nicht zwingend schlecht sein muss) von - bis auf Wikileaks - an dieser Stelle nicht relevanten Firmen und Organisationen. Zudem haben es die Organisatoren nicht geschafft, ein funktionsfähiges WLAN auf die Beine zu stellen, was die aktive Teilnahme an einer Realtime-Konferenz in einem Internet, das sich nach recht einhelliger Meinung mehr und mehr zu einem Streaming / Flow Netzwerk entwickelt, unmöglich macht.

Wohin geht die Reise?

Wer sich jedoch eine Antwort auf die Frage nach dem "Wohin entwickelt sich das Web 2.0 / Internet eigentlich?" erhofft, der wird jedoch enttäuscht. "Web 2.0"darf man übrigens auch nicht mehr sagen, damit outet man sich sich als eher zurückgeblieben, es wird jetzt nur noch von "Social Media" gesprochen. Ansichts- und Definitionssache, Standpunktfrage, lassen wir das. Aber zurück zur Beantwortung der Frage nach dem Stand der Dinge. Der Veranstaltung wohlgesonnene Blogger sagen: "Mensch, das widerspricht doch auch dem Netzwerkgedanken, dem Vertrauen in die Schlauheit der Massen, wenn du dich darauf verlässt, Antworten von Rednern in Sessions zu bekommen." Und sie haben Recht. Nur: Das erwarte ich auch gar nicht, ich würde ja gerne wirklich teilnehmen anstatt "nur zuzuschauen". Gerne würde ich in Workshops an Themen arbeiten, mich mehr in die ganze Konferenz einbringen. Leider wird einem dies schwer gemacht, allein die Raumgröße für die Workshops ist bereits problematisch, daher sind für mich zwei vielleicht ganz interessante Veranstaltungen schonmal ausgefallen.

Und via Internet werden zwar, wenn ich es richtig weiß, vier Räume gestreamt und somit der breiten Masse zugänglich gemacht, aber es sind eben nur vier, nicht alle. Damit sind wir, diejenigen, die hier ihre MacBooks nach Athen von Veranstaltung zu Veranstaltung tragen, immer auf der Suche nach einem Slot fürs WLAN, eine Elite. Und das meine ich in Bezug auf die negative Konnotation des Wortes. Hier sprechen ein paar Leute über das Was und Wie im Web 2.0 unter Ausschluss von vielen anderen. Das muss auch nicht unbedingt tränenschwer und apokalyptisch betrachtet werden, ist aber schon zumindest fragwürdige Realität.

Bei einigen Teilnehmern der Konferenz (sorry Jungs und Mädels) habe ich zudem den Eindruck, sie stellen sich der Frage nach dem Wohin, der Frage, die eigentlich den gesamten Kongress rahmen soll, nicht. Neben der re:publica treibe ich mich gerne auf den Kongressen der Deutschen Gesellschaft für Publizistik, Teilbereich Onlinekommunikation herum. Da wird inhaltlich viel unter allen Teilnehmern diskutiert, die Vortragenden verstehen Ihr Referat als Impuls zur Diskussion.

Kakophonie der Selbstdarstellung

Auf der re:publica 2010 entsteht eine riesige Kakophonie der Selbstdarstellung à la "Ich bin übrigens auf der re:publica und gehe nachher mit dem superbekannten Jeff Jarvis in die Sauna um zu diskutieren" (nur, um ihm dann, wie während seines Vortrages auch schon, hauptsächlich zuzuhören und zuzustimmen). Zudem zeigen die Screens der Laptops neben Twitter hauptsächlich iTunes, es werden die neuesten Apps runtergeladen oder aber man trifft sich an den Wasserlöchern der Konferenz, den Ladestationen für die mit einem schwachen Akku gestraften Besitzer eines iPhones und spricht über guckt in der App von "Elite Partner" schnell nach, ob es Neues auf dem Partnermarkt gibt.

Ich will mich hier nicht aufspielen, bin mir nur nicht sicher, inwieweit uns das alles (damit mache ich einen undifferenzierten Rundumschlag gegen die re:publica 2010) nach vorne bringt bei dem Vorhaben, "das Internet für uns zu verteidigen" wie es Jeff Jarvis ausgedrückt hat. Denn das scheint in seinen Augen die Herausforderung zu sein, die wir in Zukunft zu bewältigen haben. Und da kann ich nur zustimmen. Das Internet verteidigen. Gegen wen auch immer … Vielleicht auch gegen uns selbst ...

1 Kommentar:

Chris hat gesagt…

wow ...