Mittwoch, 19. Mai 2010

Mythos FC St. Pauli


Gestern Abend zeigte der NDR in der Reportagereihe »45 Minuten« die Doku »Mythos FC St. Pauli«. Eigentlich wollte ich die hier schon im Voraus mit einer kleinen Rezension ankündigen, bin aber leider nun erst dazu gekommen, einen Blogpost zu schreiben. Ist aber auch nicht so schlimm, denn praktischerweise findet man das gute Stück noch eine Weile in der gut aufgeräumten Mediathek des NDR Fernsehens.

Es ist auf jeden Fall ein TV- nun ja, mittlerweile ein Internet-Tipp. Alte Kiez-Kicker kommen zu Wort, die Geschichte des Vereins wird chronolgisch von den Anfängen 1910 bis zum Aufstieg vor wenigen Wochen, nachgezeichnet. Es soll die Frage beantwortet werden, wie aus einem »solch unbedeutenden Stadtteilclub ein solcher Mythos werden« konnte. Der Saisonverlauf ist für die Macher des Filmes natürlich ein Segen. Sie begleiteten die Neuzugänge Naki und Co bei deren Viertel-Führung im vergangenen Sommer und der Film endet damit, wie der FC St. Pauli nach einer wechselhaften Geschichte wieder in die erste Bundesliga aufsteigt.

Hier schließt aber auch ein wenig meine Kritik an. St Pauli erfreut sich ja nun einer treuen Fangemeinde und einer breiten Akzeptanz in allen Stadien und Fußballkneipen Deutschlands (ausser vielleicht in Rostock und Umgebung) - und diese Fangemeinde wächst zusehends. Es ist halt ziemlich »en vogue« zum FCSTP zu gehen. Die Reportage möchte, wie ich finde, ein wenig zu sehr den Eindruck vom coolen Kiezverein der »eben schon immer en wenig anders war« rüberbringen.

Ich hätte mir gewünscht, dass ein wenig mehr auf die Zerrissenheit eingegangen wird, die in meinen Augen immer ein wichtiges Motiv aller Menschen rund um den Verein war und bei vielen noch immer ist. Das Problem zwischen wirtschaftlichem Erfolg und dem Bewahren von anti-kommerziellen Einstellungen wird schon aufgegriffen, das neue Stadion, Logen und Totenköpfe diskutiert. Aber in Sachen Fantum kommen die gesamten St. Paulianer sehr gut weg. Dass aber mittlerweile auch einige Leute, die eher als aggressive Autonome einzuschätzen sind, immer mal wieder versuchen, sich mit dem Fantum im Rücken mehr in Szene zu setzen (So wie bei der Aufstiegsfeier 2007 auf dem Spielbudenplatz), fehlte.

Insgesamt ist Patrick Gensing und Kristopher Sell ein schöner Film gelungen, der interessante Menschen mit guten Geschichten zu Wort kommen lässt, sehenswert.

Kommentare:

Michi P. hat gesagt…

Sehr cool. Erstmal reinziehen. Hier ist übrigens der Direktlink zum Video: http://www1.ndr.de/mediathek/index.html?media=minuten112

Auch sehr witzig - man sieht meine neue Wohnung in dem Video...

Marco hat gesagt…

Cool! Sag mal, bei welcher Minute/Sekunde!

Dr. Selzsam hat gesagt…

Moment, die Attacken auf die Dresdner nach dem Aufstiegsspiel 2007 (die meinst du doch, oder?), hatten mal nix mit der Feier an sich zu tun. Die haben im Karo-Viertel was abbekommen, soweit ich weiß auch eher von ein paar Jungspunden, die eher "ihr Revier verteidigen" wollten. Auf jeden Fall spielt das ganze mal locker 1,5 km entfernt von der Party auf dem Spielbudenplatz.

Aber grundsätzlich hast du natürlich recht, der Kult-Mythos mit den Kuschelfans ist völlig oberflächig. So war es meiner Meinung nach aber auch übrigens nie... Bei Spielen mit links-rechts Relevanz gab es bei uns schon immer Gebolze und eine tiefe Liebe zur Polizei kann man der Szene seit ihrer Begründung durch Hausbesetzer aus der Hafenstraße auch zu keinem Zeitpunkt nachsagen. Eigentlich ändern sich nur die Moden und Fassaden und dazu kommt ein größer werdender Anteil eher liberaler Party-Gänger. Wobei die sich zum Teil natürlich auch aus alternden Langzeit-Fans rekrutieren, die die harten Jahre hinter sich haben. Und da ergibt sich dann ein Konflikt zur anderweitig aktiven Fanszene. Kommerz oder Nicht-Kommerz ist da nochmal eine andere Frage. Ich glaube, darüber könnte man Doktorarbeiten schreiben, ich weiß nur nicht, ob das Thema wirklich sooo relevant ist...
Sei mir auf jeden Fall gegrüßt, Boschi-Bär!