Sonntag, 16. November 2014

Finnischer Tango und Liebesgeschichten ohne Happy End

Das fängt ja gut an. "Der erste Tango beschreibt eine finnische Liebesgeschichte - ohne Happy End", sagt Tuija Komi und gibt mit danach den Auftakt zum Benefizkonzert der Deutsch-Finnischen Gesellschaft in Würzburg. Gemeinsam mit Vlad Cojocaru (Akkordeon) folgen viele weitere Stücke, die der Finnen Liebe zu Tango, aber auch Latin und Jazz ausdrücken. "Ohne Tango keine Finnen", besagt ein finnisches Sprichwort.


"Im Unterschied zur eher sinnlicheren argentinischen Version ist die finnische Version dunkler und ernster, die Liedertexte handeln von Liebe und Verlust, die Laute sind tief, klagend langgezogen und beschwören Gefühle der Wehmut, des Bedauerns und des Heimwehs herauf." (visit finland)
Die Melancholie, viel zitiert bei der Wesensbeschreibung der Finnen, verbindet sich im Tango zu einer anderen, eigenen Kraft. Mit Melancholie im negativen Sinn hat dies dann nichts mehr zu tun. Zumindest meiner Meinung nach. Es ist eher eine Besinnung, Konzentration. Die Finnen sind, so meine Erfahrung, einfach nicht so aufgeregt. Und der Tango ist eines der beliebtesten Hobbies. Man kann sich in einem klar definierten Rahmen kennen lernen. Und Klarheit ist den Finnen wichtig.

Daher gibt es an vielen Seen, im Wald oder in der Dorfmitte einen Tanzpavillion, der meist auch rege frequentiert wird. In Seinäjoki, gut vier Autostunden nördlich der Hauptstadt Helsinki findet jedes Jahr (auch 2015; vom 7. bis 12. Juli) das Seinäjoki Tango Festival statt. Hier treffen sich auf einer der größten Veranstaltung ihrer Art in Europa Enthusiasten, um zu tanzen und die neuesten Kompositionen zu hören.

"Die Nähe genießen"

Tuija Komi sagt dazu: "Ich glaube, dass ein Finne und eine Finnin so in einer angenehmer Art und Weise nah zueinander kommen können. Und sie müssen dabei nicht reden sondern können einfach die Nähe genießen. Finnen sind musikalisch, sie singen gerne und tanzen auch sehr gerne."

Kleines Schmankerl: Bei Reijo Taipale kommt in "Satumaa/1963" einfach alles zusammen: Tango, Wehmut, ein See, ein Boot, ein Akkordeon:

Zwischen den Musikblöcken las Maria Brendel finnische Literatur, aber auch die großartige Kurzgeschichte "Unter Dampf gesetzt" von Siegfried Lenz. Wer neben der Liebe zum Tang nun auch noch die Hingabe zur Sauna verstehen möchte, sollte das lesen. Der finnische Entertainer M.A. Numminen schreibt in "Tango ist meine Leidenschaft" locker über einen recht kauzigen Finnen, der Tango liebt und sein Leben als einen Wettstreit mit Platon ansieht: Er ist 35 und möchte noch ein Jahr länger als der griechische Philosoph jungfräulich bleiben – beim Tango läuft alles auf die unvermeidliche Katastrophe hinaus …

Ein runder Abend, der mein Fern- und irgendwie ja auch Heimweh mal wieder ein wenig gesteigert hat. Hoffentlich klappt es im kommenden Jahr wieder mit dem Mökki. Vorher unbeding nochmal lesen: Lenz' Kurzgeschichte "Unter Dampf gesetzt".

Filmtipp: "Mittsommernachtstango"

Filmisch hat Regisseurin Viviane Blumenschein 2013 den Ursprung des Tangos aufgearbeitet. Sie schickt in ihrer Dokumentation "Mittsommernachtstango"drei Argentinier nach Finnland. Sie sollen die Seele des Tango ergründen und herausfinden, warum einige Finnen behaupten, sie hätten den Tango erfunden.

 

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